„Großes Ego ≠ kleine Brötchen“

Wenn ich in einer Sache Weltmeisterin bin, dann darin mich selbst zu enttäuschen. Das funktioniert ganz prima, wenn man sich immer alles und damit auch immer zu viel vornimmt. Ich bin kein Freund der kleinen Schritte, bei mir muss immer etwas großes passieren. Dieses Jahr sollte das Jahr der großen Vorhaben werden, wie so oft. Ich wollte den Nike Womens Night Run schaffen. Als Auftakt einen 10km Lauf. Außerdem sollte 2014 das Jahr werden, in dem ich meinen ersten Pull-Up schaffe, möglichst in der ersten Jahreshälfte. Einen 3000er (Berg) wollte ich auch besteigen. Und zu guter Letzt am Tough Mudder teilnehmen, erfolgreich versteht sich. Diesmal sollte es nicht an fehlender Motivation hängen. Diesmal wollte ich mich richtig reinknien. Was ich dann auch getan habe. Um Dank völlig überambitioniertem Training irgendwann im März heulend mit schlimmen Schmerzen in der Notaufnahme zu stehen. Was es damals so wirklich war, weiss man heute nicht mehr. In jedem Fall habe ich über viele meine extrem verkrampften und schmerzenden Muskeln ignoriert.

Die Diagnose am Ende: Knochenhautentzündung, Schleimbeutelentzündung, ISG-Blockade. Das ist zumindest das, was auf dem Rezept für den Physiotherapeuten stand. Ich wollte das damals einfach nicht verstehen, nicht akzeptieren. In allen möglichen Youtube-Videos sieht man schlanke, muskulöse Menschen, die davon berichten, dass sie in einigen Monaten harter Arbeit unmengen Fett abgebaut und kiloweise Muskeln aufgebaut haben. Deutlich an Vorher- Nachherbildern zu erkennen. Da werden aus ehemaligen Moppeln wie mir, knallharte Athleten. Gestählt, fit wie nie und zurecht stolz grinsend präsentiert. Das sollte ich ja wohl auch können! Jeder kann das, wenn er oder sie sich nur genug anstrengt. So sah zumindest mein Plan aus. Und immerhin hatte ich ja auch ein Jahr Vorlauf. Ich würde einfach sehr viel trainieren. Sobald ich wieder halbwegs fit bin, würde ich wieder anfangen. Kann ja wohl nicht sein, dass mir so ein bisschen Hüftschmerz einen Strich durch die Rechnung macht. Den 10km-Lauf habe ich natürlich nicht gestrichen. Wieso auch? Wenn ich nur genug trainieren würde, würde das schon funktionieren.

Ihr merkt es schon. Ich bin natürlich nicht angetreten. Kein trendy Night-Run in Berlin. Statt dessen Liegestütz wieder an die Box angelehnt. Immer wieder mit Schmerzen. Laufen sollte es also nicht sein, aber gehen tat mir gut. Und die Vorbereitung zu einer Bergtour mit dem Club ebenso. In früheren Zeiten hätte ich mir vielleicht mal gesagt: ich schaue wie weit ich komme und werde über jeden Schritt stolz sein, den ich Richtung Gipfel schaffe. Seit ich aber wieder richtig Sport mache, scheinen so kleine Brötchen bei mir einfach nicht mehr auszureichen. Mein Ziel war es, auf den Gipfel zu kommen. Egal wie. Zur Not auf allen Vieren. Ihr ahnt es? Am Tag des Aufstiegs gab es glücklicherweise einen Coach, der meinen falschen Ehrgeiz erkannt und mir in einer Situation in der ihm (jedoch nicht mir) klar war, dass ich es nicht schaffen würde, unmissverständlich zu verstehen gegeben hat, dass es für mich nicht weiter geht. Genau richtig in diesem Moment. Auf eine freundliche Art, die dennoch keinerlei Diskussion zuließ.

Wer jetzt glaubt, dass ich dankbar um den Hinweis zur Hütte zurück bin und zufrieden war mit der Welt, der irrt. Das hat mich Tage und Wochen beschäftigt. Ich habe gezetert, geweint, diskutiert, mich ungerecht behandelt gefühlt und noch vieles mehr. Von Einsicht höchstens ein zarter Schimmer. Aber immerhin den Tough Mudder, den wollte ich schaffen. Da ich keinerlei Lauftraining absolvieren konnte, weil dieses auch heute noch mit Schmerzen verbunden ist, dann eben walkend. Trainiert habe ich weiterhin fleissig. Mittlerweile bin ich ja 4 mal pro Woche beim Sport. Die Zickenhüfte hat sich immer mal Tageweise gemeldet, mal mehr, mal weniger, aber meist weniger. Und ich habe versucht meinen Ehrgeiz zuhause zu lassen. Was mir nicht immer gelungen ist.

Kennt ihr das? Ihr seht andere, die sich abmühen, die vielleicht auch eine Verletzung hatten und in Minischritten wieder zu ihrer alten Form kommen. Für manche mag es ein bestimmtes Gewicht bei den Frontsquats sein, für andere eine bestimmte Zeit für eines der Benchmark-Workouts oder auch nur ein schmerzfreier Lauf. Ich denke mir dann immer: Hab Geduld, das will ausheilen und in Ruhe gelassen werden! Gib Dir Zeit!

Erst in den letzten Wochen erkenne ich nun, wie wenig Zeit ich mir selbst eigentlich gegeben habe. Und wie viel mehr es für mich dann immer sein musste. Nicht jeder ist Körper ist geeignet für ein Youtube-Vorher-Nacher-in-15 Wochen-Superfit-Video. Schon gar nicht nach einer Verletzung. Und auch der Spruch „Man muss es nur genug wollen, dann klappt es auch!“ der stimmt nicht immer. Ganz im Gegenteil. Manchmal macht man sich durch zu viel wollen alles kaputt! Der Tough Mudder ist für mich abgesagt. Ich schaffe das nicht. Ich akzeptiere das jetzt und backe kleinere Brötchen. Mein Brötchen ist der Urbanian Run. 5km, zur Not walkend. Mehr nicht. Die Brote kommen ein anderes mal. Oder besser die dicken T-Bone-Steaks. Ich hab’s ja nicht so mit Getreide.

Was ich mit dieser Story auf einem CrossFit-Blog will? Überprüft euch mal! Wie viele von euch haben sich auch schon Ziele gesetzt, die sie nicht einmal erreichen konnten, wenn sie sich ein Trampolin aufgebaut hätten? Wie oft habt ihr schon ordentlich über den richtig schlimmen Schmerz hinaus trainiert (Und damit meine ich nicht das zufriedenstellende Brennen im Muskel, Freunde). Wie häufig habt ihr auf Regenerationsphasen zu Gunsten von noch mehr Training verzichtet? Ihr hebt gerade innerlich den Arm und wollt euch melden? Dann überdenkt euer Verhalten. Nicht jeder ist Ausnahmeathlet. Manche Körper brauchen mehr Erholung als andere. Und mache haben Defizite, die man auch mit ganz viel Willenskraft nicht ausgleichen kann. Das soll euch sagen, dass ihr ab und zu mal darüber nachdenken müsst, ob ihr euch noch gerecht werdet oder ob euer Ego euch gerade mit Vollgas überholt. Man sollte sich die Stange nie so niedrig legen, dass man Limbo darunter tanzen kann aber man sollte wenigstens mit ordentlich Anstrengung hinreichen können. Bei allem anderen werdet ihr ebensolche Meister der Selbstenttäuschung wie ich.

Ein Beitrag von Carola Bopp

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Caro über sich:
Nach Jahren der Untätigkeit habe ich es geschafft etwas Gewicht zu verlieren und hatte in 2011 Jahr eine Bauchdeckenplastik. Dabei wurde eine Rektusdiastase korrigiert und der Nabel neu eingesetzt. Mir fehlt heute noch das Gefühl um den Bauchnabel und im oberen Bereich des rechten Oberschenkels. Was mich monatelang dazu gebracht hat, untätig rumzujammern oder eher lustlos Sport zu treiben, lässt mich heute kämpfen. Immer gegen mein Ich von gestern. Ich möchte anderen Mut machen, es auch zu versuchen.