Doping und anabole Steroide

Vor kurzem fragten wir euch auf unserer facebook-Seite, über welche Themen wir berichten sollen.
Einer eurer Vorschläge war das Thema Doping.

Here we go.

Wir sprachen mit einem (Fitness-) Athleten über das Thema Doping.
Rede und Antwort stand uns „Kalle Heftigstark“, 34 (auch wenn man es nicht vermuten mag – der Name ist geändert 😉 )

Kalle, wie bist du zu dem Entschluss gekommen, anabole Steroide zu nehmen?
Ich bin ein 80er Kind, ein 90er Teenie. Meine Vorbilder als Teenie waren Arnold, van Damme & Co. In der damaligen Zeit waren unsere „Action Helden“ noch kräftige, gepumpte Männer.
Diese Zeit prägte mich anscheinend, denn als ich als Jugendlicher meine Leidenschaft für das „Pumpen“ entdeckte, wollte ich ebenso kräftig werden.
Ich blieb einige Jahre natural (Anm. der Redaktion; dopingfrei) und versuchte auf natürlichem Wege Muskeln aufzubauen. In dieser Zeit nahm ich „lediglich“ Supplements zu mir. Ja, ich würde sogar behaupten, dass ich sie alle probiert habe (lacht).
Der Erfolg blieb aber, bezogen auf den erwünschten Muskelaufbau, leider aus. Dazu sei gesagt, dass ich kein Träumer bin und genügend Hirnmasse besitze, um kein Opfer der typischen vorher-nachher Anzeigen gewesen bin.
Ich war mir also bewusst, dass ich von Creatin & Co. keine Wunder erwarten darf.
Also kam ich nach den doping-freien Jahren an den Punkt, an dem es nicht weiter ging.
Nach langer Recherche und diverser Lektüre entschloss ich mich also, anabole Steroide zu nehmen. Nur mal testen – so dachte ich damals.

Jetzt wird’s abstrakt. Ich ging zu einem Arzt, der mir von den „großen Jungs“ empfohlen wurde und konsultierte ihn bezüglich meines Vorhabens.
Ich erzählte ihm von meinem Vorhaben und sagte ihm, dass ich gern Testosteron konsumieren möchte.
Ohne auch nur eine einzige Frage zu meinem Gesundheitszustand oder zu meinen Zielen zu stellen, griff er direkt zu seinem Rezeptblock.
Dann kam tatsächlich doch noch eine Frage, die ich nie vergessen werde.
„Willst du richtig doll machen?“, so der Arzt.
Mit einem verwirrten Blick und einem leichten Schmunzeln stellte ich die Gegenfrage, was denn „richtig doll“ bedeutet.
Die Frage blieb unbeantwortet.
Er stand auf, kramte in seinem Medizinschrank herum und zückte eine Ampulle Testosteron.
„Hast du schon einmal gespritzt?“, fragt der Arzt.
„Nein“, sagte ich.
Daraufhin zog er gleich mal eine Spritze auf und sagte mir, dass er es mir zeigen würde.
„Zieh mal die Hose runter“, sagte der kuriose Doc.
Er verabreichte mir meine erste Injektion in den Oberschenkel und erklärte mir dabei, worauf ich achten müsse.
Ich verließ die Praxis und war „drauf“.
Das ging schnell, dachte ich.

Wow, erschreckend. Wie fühlt es sich an „drauf“ zu sein?
Ich kann nicht sagen, dass ich mich anders fühlte – im Sinne von high oder ähnlichem.
Es dauert auch eine Weile, bis sich die Wirkung im Körper entfaltet.
Beim Training merkte ich nach ca. 14 Tagen, dass meine Kraft stieg – es ging los.
Von diesem Zeitpunkt an ging es von Woche zu Woche bergauf. Ich legte an Masse zu und konnte meine Kraft enorm steigern.
Die Leute, die sich mit dem Thema nicht auskennen, denken immer, dass mit Steroiden alles von alleine wächst. Das ist ein Irrglaube.
Du musst genau so hart trainieren, deine Diät durchziehen und sehr konsequent sein. Die Steroide ändern daran nichts. Von alleine wächst also gar nichts. Höchstens die Pickel (lacht).

Pickel? Das klingt nach Nebenwirkungen.
Ja, leider. Wie heißt es so schön, „ohne Nebenwirkung keine Wirkung“.
Dies war definitiv die Kehrseite der Medaille.
Ich bekam fürchterliche Pickel auf dem Rücken. Diese waren nichtmal mit denen aus meiner Pubertät zu vergleichen.
Wir reden hier von richtigen Kratern!
Da fing der Medikamenten-Kreislauf an. Ich ging zum Arzt und sprach mit ihm über mein Problem.
Da war er wieder – der Rezeptblock.
Er verschrieb mir ein Mittel gegen Akne. Ein ziemlich heftiges Zeug.
Ich nahm es über Monate ein und bekam tatsächlich nach erstmaliger Verschlimmerung das Problem in den Griff. Der Körper hat es mir sicher nicht gedankt.

Neben dieser, traten auch noch weitere NW ein.
Ich bin zwar ein sehr gelassener Mensch und es dauert eine Weile mich aus dem Takt zu bringen, aber dies änderte sich definitiv.
Kleinigkeiten haben oft gereicht, völlig an die Decke zu gehen.
An dieser Stelle ein Dankeschön an meine damalige Freundin, die meine Launen ertragen musste :).
Eine weitere Veränderung betraf meine Libido.
Mein lieber Schwan, es musste nur der Wind zwischen den Beinen durchwehen und mein kleiner Freund sendete mir Signale, schnell jemanden zu besteigen :).
Das mag im ersten Moment lustig klingen aber es ist wirklich krass gewesen!
Wenn wir schon über diese Körperpartie reden, mache ich dort direkt weiter.
Man liest ja immer wieder von den kleinen Eiern von Stoffern (Anm. der Redaktion; Steroid Konsumenten) und deren kleinen Zipfel.
Ja, meine Hoden wurden kleiner, aber wir reden hier über eine minimale Verkleinerung und nicht über Rosinen.
Was den Zipfel betrifft, so bemerkte ich absolut keine Veränderung. Dies ist also nur ein Gerücht.

Damit das Interview nicht in einen Roman ausartet, hier in Stichpunkten meine NW:

  • Hoden Anthropie
  • oftmals starkes Schwitzen
  • leicht reizbar (Auto fahren war immer das Schlimmste. Vor allem für meine Beifahrer…)
  • Auf dem Kopf fielen die Haare aus, auf der Brust wuchsen auf einmal welche. Scheiss Kombination!
  • Starke Akne

Das ist ja eine lange Liste. War es das Wert?
Gute Frage. Ich kann diese Frage weder mit „Ja“, noch mit „Nein“ beantworten.
Es war eine Erfahrung mit guten und furchtbar schlechten Eigenschaften.
Die guten waren die, dass ich meinem Traumkörper näher kam, höhere Gewichte stemmen konnte und motivierter denn je war.
Die schlechten haben meinem Körper sicher für viele Jahre zugesetzt. Genau kann mir das sicher niemand sagen.

Die guten Erfahrungen bringen allerdings gleich den nächsten Haken mit sich.
Wenn du dieses Gefühl einmal hattest, willst du es wieder haben.
Eine „Kur“ geht meist über 3 Monate. Zumindest war es bei mir der Fall.
Nach der „Kur“ habe ich einiges an Masse wieder verloren. Die Form war zwar besser als vorher, ich war aber bei weitem nicht mehr so „prall“ und kräftig.

Somit war für mich klar, ich werde es wieder tun.
Ähnlich stelle ich es mir bei Konsumenten von Drogen vor. Es bleibt nicht bei einem Mal, wenn es dir gefallen hat.

Insgesamt habe ich 4 „Kuren“ gemacht und dabei verschiedene Steroide getestet und sogar kombiniert.
Es brachte mich jedes Mal ein Stück näher zu meinem persönlichen Idealbild.
Ich machte das nur für mich. Nicht für die Damenwelt, nicht für einen Wettkampf oder für den Strand. Wobei das auch nicht ganz ehrlich ist.
Klar merkst du, wie die Leute und speziell die Damen dich ansehen.
Das Selbstbewusstsein wird dadurch sicher nicht gemindert.

Kannst du dich mal beschreiben, wie du zu der Zeit ausgesehen hast?
Klar. Ich war sicher kein Arnold.
Ich bin 1.90 groß und habe zu der Zeit 95Kg gewogen.
Den Look eines Bodybuilders hatte ich nicht, ich war zwar kräftig aber sehr definiert. Das war mir immer wichtiger, als ein Massemonster zu werden.
Zu der Zeit hatte ich einen Körperfettanteil von unter 8% – dauerhaft.
Die Adern auf meinen Bauchmuskeln waren permanent sichtbar.
Trocken – so sagen die Pumper.

Wie schaut es aktuell aus, nimmst du noch Steroide?
Nein. Das Ganze ist mittlerweile 2 Jahre her.
Es gab für mich einige Schlüsselmomente, die mich davon abhielten, weiterzumachen.

Welche waren das?
Da gab es mehrere.
Es ist schade, dass du automatisch in eine Schublade gesteckt wirst, nur weil die Leute einen kräftigen Körper sehen.
Ich gehe einem Bürojob nach und habe häufig Kundenkontakt.
An den Blicken merkt man schnell, dass „Fremde“ dich einfach anders ansehen. Stark = doof, so scheint es in vielen Köpfen verankert zu sein.
Im Kraftsport ist es nunmal offensichtlich. Wenn aber ein Fußballer 90 Minuten über den Platz hechtet und nicht aus der Puste ist, oder ein Radsportler eine neue Rekordzeit einfährt, fragt niemand, ob er gedopt ist.
Das ist schade. Aber so ist die Realität.

Ein weiter Punkt war, dass ich in den Jahren so sportsüchtig geworden bin, dass ich selbst den Blick dafür verloren hatte.
Es konnten immer noch ein wenig mehr Muskeln sein und noch etwas weniger Körperfett.
Eine gute Freundin hat mir zu der Zeit die Augen geöffnet.
Mir wurde klar, dass es entweder immer so weitergeht und ich irgendwann auch zu dem Mutanten in den Studios zählen würde, zu denen ich so nie gehören wollte, oder ich den „Absprung“ schaffen würde und mich damit zufrieden gebe, was die Natur uns vorgibt.

Rückwirkend betrachtet sehe ich heute so vieles anders. Hätte es mir jemand vor 5 Jahren erzählen wollen, hätte ich ihm nicht zugehört.
Dieser Sport ist schizophren.
Auf der einen Seite achtet man auf gesunde Ernährung, treibt viel Sport, trinkt keinen Alkohol – alles nur für den Sport und die Gesundheit.
Auf der anderen Seite wird alles durch den Konsum von Steroiden entkräftet.
Mit Gesundheit hat das alles nicht zu tun. Meiner heutigen Meinung nach hat es auch nichtmal etwas mit „fit“ sein zu tun.

Welchem Sport gehst du heute nach?
Ich bin da nicht mehr so starr wie früher. Heute mache ich, was mir gefällt.
Was ich nicht mehr mache, ist das klassische „Split“ Training wie früher. Es langweilt mich nur.

Ich habe meine Ziele heute neu definiert. Das neue Ziel heißt „Spaß“!
Diesen habe ich beim Laufen, beim Fitness, ja – sogar beim Yoga.

Mit deiner Erfahrung darfst du jetzt für uns einmal den Moralapostel spielen. Was würdest du jemandem mit auf den Weg geben, der darüber nachdenkt, Steroide zu nehmen?

Ihr werdet jetzt kein „lasst es“ von mir hören.
Euer Körper, eure Entscheidung.
Seid euch nur darüber im Klaren, dass es ein Teufelskreis ist. Nach der Kur ist vor der Kur.
Es ging nicht einem meiner Trainingspartner anders!
Letztendlich sollte man sich fragen, wofür man es machen möchte.
Die Antwort wird immer Anerkennung sein. Die meisten Leute wissen es nur nicht oder wollen es nicht wahr haben.
Anerkennung von Studiokollegen, Freunden, Bekannten oder den Damen – es ist so.

Rückwirkend bin ich wohl mit meinen Nebenwirkungen mit einem blauen Auge davon gekommen. Freunde von mir hatten weniger Glück.
Von Bitchtits (Anm. der Radaktion; Wachstum einer weiblichen Brust bei Männern) bis Bluthochdruck und kaputten Gelenken ist alles dabei.

Was ich jedem nur raten kann, setzt euch mit dem Thema auseinander!
Immer wieder habe ich im Studio Leute kennengelernt, die Steroide nahmen, aber noch nicht einmal wussten, was sie da genommen hatten!
Das ist in meinen Augen einfach nur hirnrissig und ist meistens auch völlig hohlen „Discopumpern“ zuzuordnen. Wenn man sich schon für solch einen Schritt entscheidet, dann sollte man schon wissen, was man sich in seinen Körper spritzt.

Bis heute wundere ich mich nur, warum es immer so ein Geheimnis ist, wenn Leute Steroide konsumieren. Ich selber habe es auch nie zugegeben, kann aber nichtmal erklären warum.
Es ist heute normal zu erzählen, dass man sich bis zur Besinnungslosigkeit besäuft, Drogen konsumiert, seine Freundin betrügt, etc. Aber Steroide nehmen  – niemals!
Alle nehmen sie nur Creatin & Co (lacht).

Du kommst zwar nicht aus dem CrossFit, hast ja aber wahrscheinlich einen Blick für Dopingmissbrauch. Wie schätzt du den Konsum im CrossFit ein?
Pauschal kann das sicher niemand beantworten. Eines ist allerdings Fakt. Wo Leistungssportler sind, wird gedopt. Ich habe CrossFit selber einige Male getestet und mich mit dem Thema ein wenig befasst. Dabei bin ich natürlich auch über die Spitzenathleten im CrossFit auf youtube gestoßen. Wer hier denkt, dass dort nicht gedopt wird, der glaubt auch noch an den Weihnachtsmann.

Wir danken dir vielmals für dieses Interview! Die letzten Worte gehören dir.
Ich bedanke mich für das Interview.
Bleibt sauber 😉

 

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