von Elena Gilles

Du bist Leistungssportler. Du hast ein festes Training. So trainierst du schon immer. Du denkst CrossFit bringt dir nichts.

Jetzt stell dir vor du bist Kanusportler. Dein Kraftaufbautraining ist ein Zweier-Split – Brust und Trizeps, Rücken und Bizeps, gespickt mit Rumpftraining. Wenn du CrossFit hörst, denkst du an Beine.

Was kann CrossFit dir, einem erfahrenen Leistungssportler, noch geben?

Das ist die Geschichte einer Kanupolospielerin, die sich zum CrossFit bekennt:

Anders als viele meiner Mannschaftskameradinnen, habe ich erst 2012 ernsthaft mit dem Krafttraining begonnen. Übrigens das Jahr, in dem wir Weltmeister geworden sind. Das Krafttraining eines Kanupolospielers konzentriert sich vor Allem auf den Winter, wo außerhalb der Saison Kraftaufbau- und im Boot Grundlagenausdauertraining betrieben wird. Seine Beine zu trainieren gilt als überflüssig, starke Beine sind sogar als unnötig belastendes Gewicht verpönt. Wie in jedem anderen Sport auch, muss das Verhältnis von Masse zu Kraft stimmen. Die Waage zwischen leichtem Körpergewicht, was einen explosiven Anriss und schnelle Sprints ermöglicht, und genügend Masse, um im Positionskampf Stand halten zu können, muss (bei größtmöglicher Kraft) gehalten werden.

Und trotzdem fing ich Ende 2013 mit CrossFit an, dem verpönten Beintraining, dem Training bei dem ich mein Gewicht nicht halten werde, das mich entweder zu massig macht oder bei dem ich zu sehr abnehme, bei dem ich mir Verletzungen zuziehen werde und das mein periodisiertes Training durcheinander werfen wird. Rückblickend kann ich auch genau sagen, warum das gut war.

(1) CrossFit ist nicht „ins Fitnessstudio gehen“. In jeder Class trainierst du gegen die Uhr oder die Reps, gegen deine vorherige Bestleistung und die anderen Athleten, mit denen du dich misst. Als Sportler weißt du, dass du deine Höchstform auf dem Wettkampf abrufen kannst, wenn es um was geht und du unter Strom stehst. Diese Situation schafft CrossFit in jedem Training. Du trainierst intensiver und abwechslungsreicher, unter den wachsamen Augen der Coaches und der anderen Sportler.

(2) CrossFit zeigt dir, was du sonst noch kannst. Und was du nicht kannst. Du bist gut in deinem Sport, du stehst fast an der Spitze. Für viele Sportler ist es schwer, den Fokus und die Spannung zu halten, weiter an sich zu arbeiten, wenn sie keine deutlichen Verbesserungen mehr spüren. Wenn du mit CrossFit anfängst, kannst du gar nichts, du kennst die meisten Übungen nicht mal – aber als Athlet wirst du dich in der Box in großen Schritten verbessern und deine Schwächen werden dir schonungslos aufgezeigt, das Gefühl von Erfolgserlebnissen und Rückschlägen kommt zurück. Du weißt, worauf du hinarbeitest, und du wirst mental gefordert. Nebenbei wirst du fitter und stärker, und du hebst auch während deiner Wettkampf-Saison schwere Gewichte. Du brichst aus der Routine aus, und verknüpfst dein Training wieder mit Emotionen.

(3) CrossFit ist nicht nur Beine. Und Beine trainieren trainiert nicht nur Beine. Jeder Athlet braucht für seinen spezifischen Sport einen starken Rumpf. Beim CrossFit findest du keine Beinpressen – nur Kniebeugen und Ausfallschritte. Frontsquats, Overheadsquats, Goblet-Squats, Lunges, Farmers Carries, Sledge Pushes: Jede Form des Beintrainings beim CrossFit trainiert immer auch die Rumpfstabilität; und zwar intensiver als ich es je im Kanu-Kraftraum geschafft hätte. Und wenn gerade keine Beine trainiert werden, kannst du dein Geschick in den Ringen oder am Rack verbessern, deine Kraft beim Bank- und Schulterdrücken, oder deine Ausdauer beim Rudern und Laufen.

(4) CrossFit lehrt dich einen gesunden Umgang mit deinem Körper. Wer intensiv trainiert, muss sich auch intensiv seinem Körper widmen – Dehnen, Mobilisieren, Pausen machen, gesund essen und Verletzungen auskurieren. In der CrossFit Box sind diese Dinge ständig Thema und du musst dich zwangsläufig damit befassen.

(5) CrossFit macht dich zum besseren Athlet. Isso!!

Übrigens, speziell an alle Kanusportler: Verkürzte Hüftbeuger und hintere Oberschenkelmuskulatur, ein schwacher Po und unterer Rücken werden durch regelmäßiges Squatten und die zugehörigen Mobilitätsübungen beim CrossFit dauernd behandelt. Die korrespondierenden Rückenprobleme habe mit Sicherheit nicht nur ich 😉

Über die Autorin:
Elena Gilles ist aktives Mitglied der Kanupolo Nationalmannschaft Damen, Weltmeisterin 2012, World Games Siegerin 2013, Europameisterin 2013 und Trainerin der Nationalmannschaft U21-Damen. Sie betreibt CrossFit seit Ende 2013. Zu ihren Lieblingsübungen gehören Muscle-Ups und Toes to Bars. Sie ist Mitglied bei CrossFit Hamburg und studiert Philosophy & Economics.

Quellen:
http://breakingmuscle.com/crossfit/crossfit-makes-you-better-at-your-sport-even-pro-athletes
http://www.dna-sports-performance.com/theory-zone/canoe-polo-should-they-squat-or-not/