Von: Korbinian Klebensberger

Kinesiologische Tapes werden seit Jahren im Spitzensport eingesetzt und sind aus diesem nicht mehr weg zu denken. Annähernd überall sind getapte Schultern, Knie, Rücken oder andere bunt verzierte Bereiche sichtbar. Sei es in der Leichtathletik, im Turnen oder beim Volleyball – und natürlich auch im Profifußball. Spätestens seit der EM 2012, als Mario Balotelli im Halbfinale gegen Deutschland (1:2) nach seinem Tor seinen nackten Oberkörper entblößte und drei Streifen türkisenes Tape im Bereich der Lendenwirbelsäule zu sehen waren, stellte sich für viele Zuschauern die Frage: „Was soll denn das?“. Neben dem Frust, dass Deutschland damals gegen Italien ausgeschieden ist, ist das aus wissenschaftlicher Sicht eine durchaus berechtigte Frage. Denn nach bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen ist die Wirkung der bunten, elastischen und gut klebenden Streifen umstritten; medizinische Nachweise liegen bisher nicht vor. Warum wird das Kinesiologische Taping dennoch weiter von führenden Ärzten und Physiotherapeuten im Praxis- und Spitzensportalltag verwendet?

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Wenn auch nicht endgültig wissenschaftlich belegt, werden dem Kinesiologischen Tape verschiedene positive Eigenschaften zugesprochen. Die Erklärungsansätze basieren zum großen Teil auf der elastischen Eigenschaft des Tapes. Das Tape besteht aus einem engen Baumwollgeflecht und wird mit ca. 20% Vorspannung auf die Haut aufgeklebt. Der Flechtart als auch dem Baumwollgewebe ist die elastische Eigenschaft zu verdanken.

Durch diese Vorspannung zieht sich das Tape auf der Haut zur Mitte hin zusammen und hebt diese bis zu einem gewissen Grad an. Dadurch kommt es über bindegewebige Verbindungen von den oberflächlichen zu den tieferen Faszienschichten zu einem Dekompressionseffekt auf die tief liegenden Strukturen. So werden alle unter dem getapeten Bereich liegenden Gefäße entlastet und die Durchblutung im Allgemeinen aber auch der Abfluss von Flüssigkeiten im Gewebe, z.B. bei Blutergüssen oder Ödmen, wird verbessert. Dieser Lifting-Effekt kann auch zu einer Verringerung von Schmerzen auf Grund entzündlicher Prozesse führen. Da in der Haut sehr viele Rezeptoren für Druck-, Tast- , Temperatur- und Schmerzempfinden liegen liegt es nahe, dass durch die Tapeauflage einige davon beeinflusst werden können. Ein Erklärungsansatz ist, dass durch das Tape sensible Nervenfasern stimuliert werden, die eine schmerzhemmende Wirkung haben. Vergleichbar ist das mit dem Reiben einer schmerzhaften Stelle nachdem man sich gestoßen hat.

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Durch das „sanfte Reiben“ werden diese schnell leitenden afferenten Nervenfasern gereizt. Diese blockieren auf Rückenmarksebene, als Bestandteil der Gate Control Theorie, die langsamer eintreffenden Schmerzempfindungen. Die Schmerzwahrnehmung im Gehirn wird also durch das Kinesiologische Tape verringert oder unterbrochen.

Es gibt noch weitere Erklärungsversuche, wie über die Haut Veränderungen bewirkt werden können. Entwicklungsgeschichtlich bilden sich das Nervensystem und die Haut aus demselben embryonalen Keimblatt. Somit wird der Haut ein schneller Draht zum Gehirn nachgesagt. Eine Verbindung, die man sich bei Haltungstapes zunutze macht. Immer wenn sich eine in Position getapte Haltung in die unerwünschte Position verändert, wird über Stellungsmelder – sogenannte Propriozeptoren – dem Gehirn die sonst unbewusste schlechte Haltung gemeldet. Mit dieser taktilen Information kann die Haltung jetzt schneller aktiv korrigiert werden. Daraus hat sich ein Ansatz entwickelt, welcher das „klassische Kinesiologische-Taping“ mit den oben genannten Prinzipien und Wirkungsweisen noch übertrifft.

Das Tapen von Bewegungen, das sogenannte „Fascial Movement Taping“ (FMT) erobert derzeit die Taping Welt. Wo schon das „klassische KinesiologischeTaping“ versucht hat das Tapen von Muskeln zu unterlassen und über Ansatz und Ursprung im Faszienverlauf hinaus zu tapen, geht das „Fascial Movement Taping“ noch einen großen Schritt weiter.

Das „FMT“ nutzt die Stimulation von Propriozeptoren im faszialen Gewebe. Dadurch werden dem Gehirn andauernde und immer bessere Informationen über den Bewegungsablauf während einer Bewegung gegeben. In der Muskulatur und in dem umliegenden Fasziengewebe liegen nach neuerem Wissensstand deutlich mehr Rezeptoren als ursprünglich angenommen. Somit scheint es sinnvoll, das Augenmerk mehr auf die Propriozeptoren im Weichgewebe zu legen, um mehr Bewegungsinformationen zwischen den Endpositionen eines Gelenkes zu erhalten.

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Um Dysbalancen auszugleichen, wurde lange Zeit versucht „schwache“ Muskeln isoliert aufzutrainieren. Spätestens seit dem Boom des Functional Trainings denken wir immer mehr in komplexen Bewegungsmustern. Und genau diesem Ansatz folgt das „FMT“. Denn Bewegungen finden in Muskelketten entlang anatomisch nachweisbarer myofaszialer Meridiane statt. Wird eine Bewegung nun falsch ausgeführt geht man im „FMT“ davon aus, dass ein Bereich entlang der Muskelkette nicht bewusst angesteuert werden kann, bzw. aus diesem Bereich nicht genügend Informationen zum Gehirn gelangen. Eine Ausweichbewegung ist die Folge.

Ein Beispiel:
Ein Kunde macht seit längerem Ausfallschritte und seine Beinachse weicht ständig nach innen ab. Ein isoliertes oder funktionelles Training der Abduktoren und des Fußgewölbes haben nicht zum erwünschten Erfolg verholfen. Betrachtet man die Ausweichbewegung, findet diese in der Frontalebene statt. Ausweichbewegungen in dieser Ebene werden von in der Sagittalebene – also entlang der lateralen Faszienketten – liegenden Strukturen kontrolliert. Mit dem Ziel, diese Faszienketten wieder stärker in das Bewusstsein zu rücken, wird die Performance Lateral Line getaped. Wir erhalten durch die von dem Kinesiologischen Tape stimulierten Rezeptoren mehr Informationen während der Bewegung. In Folge kann die Bewegung noch schneller aktiv korrigiert werden. Das „FMT“ ist mit diesem innovativen Ansatz, dem Tapen von Bewegungen und Mustern statt nur von Muskeln, die optimale Ergänzung für jeden in funktionellen Bewegungsmustern denkenden Trainer und Therapeut.

Das „FMT“ ist ein sehr wertvolles Mittel, um unseren Kunden zu besseren Bewegungsmustern zu verhelfen, stellt jedoch auch besondere Anforderungen an das Material. Es muss über beste Klebeeigenschaft verfügen, um mehr als eine Trainingseinheit zu überleben. Zudem sollte der Kleber besonders hautfreundlich sein. Je nach Kundenproportion sind verschiedene Größen empfehlenswert. Neben der Klebeeigenschaft ist die Elastizität besonders wichtig. Denn wir wollen mit dem „FMT“ Bewegungen verbessern, nicht hemmen. Ist das Tape nicht elastisch genug, erreichen wir genau das Gegenteil. Statt Bewegungserweiterung erzeugen wir Bewegungseinschränkung. Die Qualität ist also absolut entscheidend. Und je breiter die Farb- und Designauswahl ist, desto eher wird der Kundengeschmack getroffen.

Meine Meinung zu Kinesiologischen Tapes und Functional Movement Taping: „MEHR als nur Tape auf der Haut!“

Korbinian Klebensberger
Diplomsportwissenschaftler, Physiotherapeut
Gründer und Dozent R1 Academy