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Ein Beitrag von Elli Hachmann

Als leidenschaftliche Crossfitterin spreche ich aus meinem Crossfitter-Herz und ich hoffe, dass dieser Artikel von den Lesern (ob Crossfitter oder nicht) auch so aufgenommen wird.
Ich möchte mich weder als Expertin darstellen noch als Besserwisserin.
Ich spreche ausschließlich von meiner eigenen Erfahrung als Box Owner, Trainerin, Crossfitterin und Frau.

Es gibt eine Menge Diskussionen darüber ob Frauen durch CrossFit  „breit“, „muskulös“ und „männlich“ aussehen.
So eine Unterhaltung findet selten unter Crossfitterinnen statt, denn solange wir gesund sind, interessiert uns weder die Körperform, das Gewicht, noch die individuelle Kleidergröße (außer einer dieser Parameter schadet unserer Fran-Zeit).

Aber in einer Gesellschaft, in der der Fokus so extrem auf dem äußerlichen Erscheinungsbild liegt, ist es nicht verwunderlich wenn man bei den diesjährigen Invitationals in Berlin folgendes von den Nachbar-Frauen auf der Tribüne hört: „Hast du Sam Brigg’s Kreuz gesehen?! Oder die Arme von Talayna Fortunato? Die sehen ja ekelhaft aus!“
Kein Wort zu deren Leistung!!! Diese Frauen sind Leistungssportler, aber der komplette Fokus lag auf ihrem Aussehen.
Die eigentliche Frage ist nicht ob CrossFit dicke Muskeln macht, sondern:
Wieso sind alle so besessen von der Körperform und dem Gewicht? Und wenn fast jede Frau mit ihrem Körper unzufrieden ist, ist dieses vorgegebene “Ideal” eventuell unerreichbar?

Wenn Frauen mit der Befürchtung „zu muskulös“ zu werden in meine CrossFit Box kommen, ist meine erste Antwort eine Gegenfrage:  „Was ist denn dein Trainingsziel?“
Zu 99,999% höre ich folgenden Satz: „Ich will abnehmen, definieren, gesünder werden und mich fitter fühlen ….- aber auf keinen Fall Muskeln aufbauen.“
(Ich weiß, die Trainer unter uns rollen jetzt mit den Augen. Ruhig Blut. Ich nehme das jetzt einzeln auseinander und ihr könnt diesen Artikel dann wortlos an euer weibliches Publikum weiterleiten.)

Ok, fangen wir mit dem Thema “Abnehmen” an.
Ich mache es mal ganz kurz und schmerzlos.
Die “schlechte” Nachricht: Wenn du Krafttraining machst, wirst du die ersten 2-3 Tage Wasser in den Muskeln einlagern. Du wirst mehr wiegen und die Hosen passen schlechter. Das Wasser geht nach ein paar Tagen wieder weg und die Hosen passen wieder besser. Aber: Du wirst trotzdem mehr wiegen als vorher, weil du mehr Muskeln aufgebaut hast.
Die gute Nachricht: Du siehst geiler aus. Muskeln haben keine Cellulite.
Noch Fragen?

Ok, Thema “Definieren”.
Gemeint ist Körperfett zu reduzieren um gleichzeitig das Muskelrelief hervorzuheben. Das Problem ist nur, wenn du keine Muskulatur unter deinem Fettgewebe hast und auch keine Muskeln aufbaust während du abnimmst, siehst du genauso aus wie vorher- nur etwas schmaler.
Also: Fail.

Next:  “Gesünder” werden.
Ohne Muskeln aufzubauen? Negativ.
Wer per Definition „gesund“ sein möchte, benötigt körperliche Kraft.
Die Frage die man sich also stellen muss, wenn man durch Sport „gesünder“ werden möchte ist diese: Welche Trainingsform gibt mir am meisten Kraft und reduziert dadurch am ehesten gesundheitlich negative Auswirkungen?
Ihr wisst schon…Auswirkungen wie Tod, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes. Aber eigentlich sind auch ganz banale Dinge gemeint wie z.B. Gelenkverschleiß und Bandscheibenvorfälle.

Next: “Fitter” werden.
„Allgemeine Fitness“ ist eine ausgeglichene Zusammensetzung aus Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit, Beweglichkeit und Koordination. Dadurch wird man leistungsfähiger, ausdauernder und widerstandsfähiger (sowohl im Sport als auch im Alltag).
Wie du eventuell schon erahnen kannst, ist die Basis für “Fit sein” Kraft.
Ohne Kraft kannst du weder Ausdauer, Schnelligkeit, Beweglichkeit noch Koordination verbessern. Ohne Kraft könntest du nicht mal allein aus dem Bett steigen, geschweige denn 5 km laufen gehen. Check?

Versteh mich nicht falsch. Wenn du lieber dünn und unmuskulös sein möchtest macht dich das nicht zu einem schlechteren Menschen. Aber lass uns bitte nicht Gesundheit mit subjektiver Ästhetik verwechseln.

Oft kommt auch die Frage „Aber wieso sehen die Frauen bei den CrossFit Games denn dann so krass aus?“
Ganz einfach, weil diese Sportlerinnen 3-5 Mal am Tag, 5-7 Tage die Woche trainieren, z.T. Wachstumshormone und etliche Nahrungsergänzungsmittel nehmen, ohne Ende essen und ihr ganzes Leben nach dem Sport ausrichten. Wenn man so einen Körper mit 2-3 Mal die Woche 1 Stunde CrossFit bekommen könnte, wären wir alle bei den Games!
Und bevor jetzt der große Aufschrei losgeht wie ungesund die hohe Trainingsfrequenz ist oder dass da doch mit irgendwelchen „Mittelchen“ geschummelt wird, vergesst bitte nicht, das die  Games-Athletinnen Leistungssportlerinnen sind. Leistungssport beginnt dort, wo Sport längst aufgehört hat gesund zu sein. Nur weil du gerne joggst wirst du nicht gleich Ultra-Marathon-Läufer. Bitte spart euch also die Mühe und Zeit euch darüber zu pekieren und erkennt den Unterschied.

Immer noch nicht überzeugt? Na gut. Stellen wir uns mal vor du bist eine Ausnahmefrau, die nur vom Anschauen der Gewichte schon Muskeln aufbaut. Ich wette du glaubst, dass man mit vielen Wiederholungen und wenig Gewicht definierte, schlanke Muskeln bekommt? Leider nein! Bodybuilder trainieren so. Warum? Weil es ihnen nicht darum geht stärker zu werden sondern in erster Linie darum mehr Muskeln aufzubauen um stärker auszusehen.

Die Wahrheit ist: Wenn du mit CrossFit anfängst, wird dein Körper sich verändern. Wie sich dein Körper verändert hängt von deiner Genetik und deinem Ausgangsgewicht ab, wie viel Sport du vorher gemacht hast, wie häufig du zum Crossfit kommst, was du sportlich nebenbei machst und wie du dich ernährst.
Wenn du zu Beginn 20 kg Übergewicht hast, wirst du mit CrossFit abnehmen (obwohl du Muskeln aufbaust).
Wenn du schlank bist und wenig Muskeln hast, wirst du ein paar Kilogramm zunehmen und deine Jeans sitzen an einigen Stellen enger. Aber du bekommst eine straffere und definierte Silhouette (Kurz gesagt: Du siehst nackt besser aus).
Wenn du Leistungssportlerin bist oder sehr fit, wirst du einfach in allem besser werden. Ob du zu oder abnimmst hängt mehr damit zusammen wie du dich ernährst.

Aber CrossFit geht weit über das rein physische hinaus und ausgerechnet in der härtesten Sportart der Welt (oder gerade deshalb) wird dies besonders deutlich.
Das versteht allerdings nur jemand der CrossFit nicht nur macht um gut auszusehen.
Wer morgens um 6.30 Uhr vor der Arbeit vier schwere Sätze Kniebeugen mit 10 Wiederholungen überwinden kann und danach noch ein hartes Metcon, der kann ein schwieriges Meeting mit dem Chef und einen Haufen Arbeit auch überwinden. Ein schweres Gewicht vom Boden zu heben erfordert eine gewisse mentale Stärke, ebenso wie Sprints einen Berg hinauf ein Durchhaltevermögen abverlangt, welches nur die zielstrebigsten Frauen in der Arbeitswelt fähig sind zu entwickeln. Und wollen wir Frauen nicht mehr sein als nur eine “schöne” Hülle?
Hier ein passendes Zitat von Ann-Kathrin Weber (CrossFit FRA):
“Wir werden mit der Arbeit, die wir in uns investieren immer schöner und besser. Das was wir in uns tragen würde nie in eine kleine Kleidergröße passen.”
Indem wir uns beim Training mehr um die Leistung kümmern als um das Aussehen, füllen wir diese Hülle nämlich mit Stärke, Sexappeal, Selbstbewusstsein, Authentizität und einer Schönheit, die keiner in Worte fassen kann, aber die jeder liebt und die jeder haben will.

Nelson Mandela sagte einmal: “By letting our own light shine, we unconsciously give other people the permission to do the same.”

Indem wir ständig dazu bestrebt sind unser vollstes Potential – sowohl körperlich als auch charakterlich- weiter zu entwickeln statt irgendeinem beschränktem “Ideal” hinterher zu laufen, geben wir anderen Frauen den Mut, die Motivation und die Anleitung dasselbe zu tun.
Als Crossfitter haben wir wirklich andere Sorgen als unsere Figur… z.B. ob Morgen der neue Backsquat-PR klappt!

In diesem Sinne…Shut up and Lift.