von Harry Werz

In meiner neuen Serie „CrossFit und Sportpsychologie“ möchte ich euch im zwei Wochen Rhythmus Einblicke in einen der interessantesten Bereiche der Sportwissenschaft geben und somit bestimmte Prozesse im Verhalten und Erleben des Menschen im sportlichen Kontext vorstellen und erklären.

In erster Linie werdet ihr evidenzbasiertes theoretisches Wissen, Grundlagen und interessante Hintergründe zu den Themen Motivation, Kognitionen im Sport (Stressregulation & Konzentration), Zielsetzungs- und Mentaltraining, sowie Coaching von mir bereitgestellt bekommen, die euch helfen können auch auf psychologischer Ebene, durch das Verstehen bestimmter Prozesse, euer CrossFit Game auf ein neues Level zu bringen.

Im ersten Teil stellen wir uns die Fragen: Was ist eigentlich Motivation, wie entsteht sie eigentlich und wie laufen motivationale Prozesse ab?

Die Erreichung von persönlichen Bestleistungen oder einer besseren Platzierung bei den alljährlichen CrossFit Open, setzen ein hoch motiviertes Trainingsverhalten voraus. Um die Frage zu beantworten, was uns antreibt, immer wieder an die Grenzen zu gehen, oder generell CrossFit langfristig zu betreiben, kann nur individuell beantwortet werden. Doch einige Mechanismen laufen bei uns Menschen sehr ähnlich ab und wurden in verschiedenen wissenschaftlichen Ansätzen zusammengefasst.

Klassischen motivationspsychologischen Überlegungen zufolge, müssen die Begriffe Motivation und Motiv, die umgangssprachlich meistens wenig trennscharf verwendet werden, voneinander unterschieden werden. Ein Motiv stellt eine relativ stabile personale Veranlagung (Disposition) dar, welche sich im Aufsuchen oder Meiden thematisch ähnlicher Situationen zeigt. Zu den bekanntesten und den am besten untersuchten Arten von Motiven zählt man Neugier, das Leistungsmotiv, das Gesellungs- und Anschlussmotiv, sowie das Machtmotiv (Brand, 2010; Alfermann & Stoll, 2007).

Jedoch reicht das bloße Vorhandensein von Motiven nicht aus um motiviertes Handeln hervorzurufen. Motiviertes Verhalten entsteht dann, wenn ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes Motiv durch eine geeignete Situation angesprochen  wird. „Unter einer Situation wird die subjektive Deutung einer konkreten Reizumgebung verstanden“ (Brand, 2010), sodass Motivation als „die aktivierende Ausrichtung des aktuellen Lebensvollzugs auf einen positiv bewerteten Zielzustand“ (Rheinberg, 2002; in Brand, 2010) verstanden werden kann.

Etwas weniger theoretisch ausgedrückt: In jedem Menschen schlummern unterbewusst bestimmte Motive, die darauf warten aktiviert zu werden und letztendlich in zielführenden Handlungen münden sollen. Wichtig ist es sich dieser  Motive bewusst zu werden und neue Dinge auszuprobieren, sprich sich in neue Situationen zu begeben. Wer kennt nicht einen Freund oder eine Freundin, die z.B. ihr Körperfett loswerden will, oder jemanden, der nach neuen Herausforderungen sucht, weil ihn sein alter Sport nicht mehr auslastet. Eine andere Möglichkeit könnte sein, dass ihr durch eine Teilnahme bei einer Competition für Beginner teilnehmt und auf einmal merkt, dass ihr den sportlichen Wettkampf genießen und ihr dabei eure alten Bestleistungen weit übertreffen könnt. Oftmals ist zu beobachten, dass CrossFiter, nach dem Zuschauen oder Teilnehmen an Wettkämpfen, extrem viel Motivation daraus schöpfen und auf einmal noch mehr Zugang und Liebe zu unserem Sport gefunden haben, somit deutlich motivierter im Training zugange waren. Versucht dem entsprechend euch oder euren liebsten einen kleinen Schubs in die richtige Richtung zu geben.

Die richtigen Situationen scheinen also der Schlüssel zu sein.
Ob Situationen überhaupt als Anreize wahrgenommen werden, kann durch das Risikowahlmodell der Leistungsmotivation (nach Atkinson, 1974) erklärt werden. Hierbei wird, auf dem Ansatz David McClellands (1953) basierend, zwischen zwei grundlegenden Motivationstendenzen unterschieden: Menschen werden in ihren Handlungen entweder vorwiegend durch Hoffnung auf Erfolg (Streben nach positiven leistungsbezogenen Gefühlen durch eine Handlung) oder Furcht vor Misserfolg (Streben angetrieben durch Vermeidung von negativen leistungsbezogenen Gefühlen) angetrieben. Die Leistungsmotivation Leistungsaufgaben zu vollbringen hängt von der subjektiv wahrgenommenen Aufgabenschwierigkeit und dem subjektiven Wert des Erfolgs ab. Untersuchungen an Wettkampfsportlern haben ergeben, dass die erfolgreichen Athleten überwiegend mit Hoffnung auf Erfolg charakterisiert werden können.

Welche Rückschlüsse kann man daraus für die alltägliche Trainingsarbeit ziehen? Hierzu muss sich ein Coach darüber im Klaren sein, dass für den durch Hoffnung auf Erfolg geprägten Sportler Aufgaben besonders anregend wirken, in denen eine mittlere Aufgabenschwierigkeit mit dem Wert des Erfolges als „gut ausbalanciert“ wahrgenommen wird. Vor diesem Hintergrund wird auch deutlich, warum Rich Froning in diesem Jahr die Entscheidung traf, nach vier Siegen bei den Reebok CrossFit Games in Folge, nicht mehr am Einzelwettbewerb teilzunehmen. Zwar wird die Aufgabenschwierigkeit, in seinem Fall als realisierbar eingestuft, allerdings musste er sich die Frage stellen, ob ein weiterer Gewinn der Games für ihn überhaupt noch einen subjektiven Benefit dargestellt hätte. Ist das Risiko sich sein eigenes Denkmal zu zerstören und Gefahr zu laufen von den jungen hungrigen Athleten, wie Mathew Fraser oder Noah Ohlsen, geschlagen zu werden, nicht viel zu hoch?

Für misserfolgsorientierte Athleten hingegen sind genau diese mittleren Aufgabenschwierigkeiten besonders demotivierend. Sie wählen lieber stark unterfordernde oder extrem überfordernde Aufgaben, sodass entweder mit großer Sicherheit Erfolg eintritt oder, in Anbetracht der exorbitanten Schwierigkeit, eine Niederlage so wahrscheinlich ist, dass eine diese zu erwarten ist.

Für solche Athleten muss der Coach eine vertrauensvolle Trainingsatmosphäre schaffen, in welcher individuelle Aufgabenstellungen mit viel Ermutigung diesen Sportlern zugebracht werden. Bei wiederholten Erfolgen bei mittlerer Aufgabenschwierigkeit, „kann langfristig eine Veränderung der Motivrichtung erfolgen“ (Alfermann & Stoll, 2007; Wessling-Lünnemann, 1985).

Doch ist Motivation wirklich so einfach zu erklären? Ein weiteres interessantes Modell der Motivationspsychologie ist das Rubikon-Modell (nach Heckhausen, 1989), welches in der angewandten Sportpsychologie weniger dazu dient Verhaltensvorhersagen zu treffen, die empirisch überprüfbar wären, sondern vielmehr sich dazu eignet, sportliches Handeln in bestimmte Phasen und dazu passende gedankliche Abschnitte einzuteilen und somit verständlich und erklärbar zu machen (Brand, 2010). Es bezieht auch Willensprozesse (Volition), als weitere Determinante für das Zustandekommen von menschlichen Handlungen, ein. Diese beinhalten bewusste Entscheidungen für bzw. gegen bestimmte Handlungsalternativen, wie z.B. die Anmeldung zum Intro-Kurs oder der ersten Competition. Gleichzeitig müssen manchmal auch nicht zielführende Motive (Ausgehen mit den Freunden; Anschlussmotiv), unterdrückt werden, um langfristig wichtigere Ziele erreichen zu können (Training zur Leistungsoptimierung; Leistungsmotiv).

Das Modell unterscheidet zwischen vier Phasen, die den Handlungsfluss charakterisieren. In der ersten motivationalen Phase wägen Individuen gesteckte Ziele und die damit verbundenen Konsequenzen dieser Ziele ab, wobei das Bestreben „die Überlegungen zur Auswahl zwischen verschiedenen Handlungszielen zum Abschluss zu bringen“ größer wird (Fazit-Tendenz) (Brand, 2010). Nach der Phase des Abwägens entstehen Handlungsintentionen und das Individuum entscheidet sich „zur Überschreitung des Rubikons“ (Brand, 2010). Somit beginnt die erste volitionale Phase vor der Handlung, in der die Handlungsplanung im Vordergrund steht. Phase drei stellt die zweite volitionale Phase dar. Sie ist die Phase des beobachtbaren Handelns. Nach Beendigung der Handlung und der Deaktivierung der, mit der Handlung verbundenen, Intentionen, findet eine Bewertung der zurückliegenden Handlung statt, wobei festgestellt wird, ob die gesetzten Ziele erreicht oder verfehlt wurden. Diese Phase stellt die zweite motivationale Phase dar, weil hier das Fundament zukünftiger Handlungen gelegt wird (Alfermann & Stoll, 2007; Brand, 2010).

Bemerkenswert ist, dass sich einige der Modelle, wie z.B. das bereits erwähnte Risikowahlmodell, zur Erklärung leistungsmotivierten Verhaltens mit dem Rubikon-Modell verknüpfen lassen. In diesem Zusammenhang können auch noch die Attributionstheorien (Worin sieht/wie erklärt sich  ein Individuum die Gründe für seinen Erfolg/Scheitern?) und die Handlungskontrolltheorie genannt werden, welche allerdings erst in den nächsten Artikeln gesondert behandelt werden (Brand, 2010).

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