von Patrick McCarty
CrossFit, Masters Athletes

1965 vollführte der Draufgänger Evel Knievel seinen ersten Motorradsprung, vierzig Fuß weit über eine mit Klapperschlangen gefüllte Box. 1974 versuchte er, mit seinem “Skycycle” den Sprung über den Canyon des Snake River, eine dreiviertel Meile weit.

In den Jahrzehnten dazwischen wurde jeder seiner Sprünge größer und spektakulärer. Er begann mit Sprüngen über 13 Autos zu Sprüngen über 19, dann zehn Trucks, 50 Autos auf einem Haufen, 13 Mack Trucks, 14 Busse, bis hin zu einem Tank voller Haie. Knievels Karriere verlangte, immer weiter zu gehen.

Sein Sport war nicht durch eine lange Reihe von Regeln begrenzt. Es waren Spektakel um der Spektakel Willen und er wusste, dass der einzige Weg, das Interesse der Zuschauer zu halten, immer haarsträubendere Sprünge waren.

Kurz vor dem Sprung war Knievel zu Gast in der Tonight Show, bekleidet mit einem Pelz-Cape und einen diamantenbesetzten Gehstock in der Hand. Er war auf der Höhe seiner Royal Clown Show.

Die Games

2007 fanden die CrossFit Games in Aromas, Kalifornien statt, bestehend aus drei Workouts an zwei Tagen.
Acht Jahre später gehen die Games über fünf Tage, davon vier Wettkampftage, und zwölf Workouts.
In den acht Jahren dazwischen ist jeder aufeinander folgende Wettkampf größer und spektakulärer geworden. Es steigerte sich von drei Events im Jahr 2007 auf vier Events 2008, acht Events 2009 und neun Events 2010 in drei Tagen. Jetzt haben wir 2015, die Athleten begannen ihre Wettkampfwoche am Mittwoch mit einem anstrengenden Schwimm-Event im Meer und beenden sie am Sonntag mit, während ich das hier schreibe noch: „TBA“.

„Das Trendwort aus Carson war ‚beatdown‘“

Die CrossFit Games verlangen, dass Organisator Dave Castro immer weiter geht. Dieser Sport ist nicht durch eine lange Reihe von Regeln begrenzt. Nein, im heutigen Fitness-Markt verlangt es die Legende, dass die CrossFit Games mit jedem Mal größer sind als die vorherigen. In einem dauernden Zwang, die Standard Fitnesstests des Vorjahres zu übertrumpfen, wurden die Games von einem „Test of Fitness“ zu einem „Test of Survival“ – einem Überlebenskampf. Sie sind nicht mehr Test von Ausdauer, Durchhaltevermögen, Kraft, Flexibilität und Geschwindigkeit, sondern testen, wie sehr die Athleten bereit sind, zu leiden.

Aber während bei den CrossFit Games „the fittest on earth“ gesucht werden, sind sie auch eine Show. Sie sind für das Streaming und ESPN zugeschnitten, und es gibt Tausende von Besuchern. Als Show, als Unterhaltung, müssen die Tests so entwickelt werden, dass sie am finalen Sonntag gipfeln. Damit verwässert alleine der Fakt, dass Entertainment mit einberechnet werden muss, den tatsächlichen „Test of Fitness“. Würde man nämlich wirklich den „fittest on earth“ suchen, dürfte man nichts auf die Unterhaltung der Zuschauer geben.

Here we go again
„Here we go again“

Daher kommt es, dass die Entscheider (und so weit ich es beurteilen kann, ist Dave Castro der einzige) die gleiche Herangehensweise wie Evil Knievel wählen müssen: „Wie können wir letztes Jahr toppen? Wie können wir eine Show schaffen, die die Zuschauer von ihren Sitzen haut?“

„Murph“

Das Trendwort aus Carson war „beatdown“. Ohne Frage, der Umfang der vorherigen Games war schon hoch. Schwimm-Events im Meer haben wir seit 2011, in 2013 haben wir einen Rudermarathon gesehen. Aber selbst bei einer flüchtige Betrachtung der letztjährigen Events lässt sich nicht annähernd ein so betäubendes Volumen feststellen, wie bei den Games 2015.

Zwei Tage, nachdem die Athleten zwei Stunden lang im Meer geschwommen waren, mitten in der fast 40°C warmen kalifornischen Sonne, traten die Athleten zu „Murph“ an. Komplett in Gewichtsweste. Es war schmerzhaft.

Natürlich absolvieren viele CrossFitter „Murph“ am Memorial Day, oft in großer Hitze und oft mit Gewichtswesten. Und oft sind wir Sterblichen davon mehrere Tage lang außer Gefecht gesetzt, obwohl wir es nicht mal als Wettkampf sehen. Obwohl wir unsere Wasserflasche in der Nähe stehen haben und vor einem riesigen Ventilator trainieren. Im Innern der Box.

Aber die Fittest-on-earth-Spezies sind umgefallen wie die Fliegen. Fast jeder hat sich inzwischen angesehen, wie Kara Webb nahezu zombiemäßig ihre letzte Meile rannte.

Annie Thorisdottir wurde auf einer Bahre abtransportiert und musste am Ende wegen eines Hitzeschlags aufgeben.

Annie Thorisdottir, das CrossFit Vorzeigeidol, wird unter Umständen Nierenschäden davontragen. Lasst euch das auf der Zunge zergehen. Wir sind an „diese Leute wissen, was sie tun“ vorbei, wenn eine der fittesten Frauen der Welt von einem Wettkampf permanente Schäden davonträgt.

Wenn du dieses Interview mit Emily Abbott gelesen hast, die als Achte den Wettkampf abgeschlossen hat, hast du gesehen, dass „Murph“ einen großen Einfluss nicht nur auf sie, sondern viele der Athleten hatte. Sie sagt: „Ich habe mich umgesehen und jeder hat so durch ausgesehen. Man hat es in ihren Augen gesehen. Kara Webb wurde ohnmächtig nach Murph und sie sagt, sie wurde gerade zur medizinischen Versorgung gerollt, als sie zu sich kam.“ Weiter sagt sie: „Ich war ziemlich wütend nach Murph. Es fühlte sich an wie‚ das ist unglaublich. Ich habe das Gefühl wir sind Teil eines Zirkus.‘“

Natürlich werden jedes Jahr Bedenken über das Programming geäußert. Aber dieses Jahr war es anders: Die Großen sind gefallen.

Nach „Murph“ und der Speed Ladder, fragte CrossFit die Twittergemeinde, welches Workout als nächstes kommen sollte: „Heavy DT“ oder „Double DT“. Das habt ihr richtig gelesen – die Fans durften das finale Workout am Samstag aussuchen.
Bis Sonntag war die Facebook-Community hellauf empört über das Programming. Noch nie schienen so viele Sportler auszufallen. Khan Porter war kurz davor, wegen Bedenken über Rhabdo aufzugeben, Annie war draußen, Maddy Myers war draußen. Porter war deutlich sichtbar beeinfluss von „Murph“, denn wenn ein gut eingestellter Athlet wie er, der im ersten Event zweiter wurde, inzwischen auf den unteren Plätzen dümpelt, ist was faul.

Natürlich werden jedes Jahr Bedenken über das Programming geäußert. Aber dieses Jahr war es anders: Die Großen sind gefallen. Wir haben bisher keine derart großen Probleme bei den Athleten gesehen, oder Bemerkungen wie die von Emily Abbott.

Wir können das alles auf die Evel Knievel Theorie zurückführen: Wenn der Druck, nicht nur dich selber zu überbieten, sondern auch noch zu unterhalten, so groß wird, testen wir nicht mehr Fitness. Also was testen wir überhaupt?

    – Testen wir Fitness, wenn Rogue dafür jedes Jahr neues Equipment entwerfen muss?
    – Testen wir Fitness, wenn das einzige, was sich Jahr um Jahr verändert, der schiere Umfang ist? Muss der Test of Fitness auf fünf Tage ausgeweitet werden, wenn wir mal in zwei Tagen testen konnten?
    – Testen wir Fitness, wenn der Wert der Unterhaltung mit einberechnet wird?
    – Ist „Fähigkeit, sich zu Akklimatisieren“ ein Maß von Fitness?


„Worum geht es: Fitness zu testen oder Equipment zu verkaufen?“

Argumente für das momentane Programming

Ich habe einige Posts in den sozialen Medien gesehen, die das Programming unterstützen. Sie alle hören sich in etwa so an:

    – „Es ist nicht das Programming, sondern das Versäumnis der Athleten, die Konditionen einzubeziehen und dementsprechend zu pacen“
    – „Hey, es ist warm in Kalifornien. Die Games sind immer im Juli – sie wissen, was sie erwartet.“

Keine Frage, mit der Zeit akklimatisieren sich Athleten. Wenn du den Mount Everest besteigen willst, musst du erst an deiner Adaptionsfähigkeit arbeiten. Der menschliche Körper hat eine beeindruckende Fähigkeit, sich auf unterschiedliche Konditionen einzustellen. Man muss sich bloß die zermürbenden Vorbereitungen ansehen, die Astronauten durchlaufen müssen – bis zu zwei Jahre Vorbereitungen, um ihre Körper fit für die beschwerliche Reise durch den Weltraum zu machen.

Aber dieser Umfang nur um des Umfangs willen, misst keine Fitness. Diese CrossFit Games scheinen die vorherigen nur zu übertrumpfen, um ein größeres und besseres Spektakel zu liefern.

Aber wie viel Zeit haben die Games Athleten? Zwischen den Open (Innen, Winter) und den Regionals (Innen, Mai und Juni), bis hin zu den Games sechs Wochen später. Ist das wirklich genug Zeit, um sich auf fast 40 Grad einzustellen? Selbst wenn man annimmt, dass alle Athleten diese Konditionen irgendwie nachahmen könnten, bleibt es zweifelhaft, ob es genug Zeit ist. Können die kanadischen Athleten irgendwie die Trainingsbedingungen in Kalifornien simulieren? Die Australier in ihrem Winter? Selbst wenn „Murph“ nach dem Ende der Regionals bekannt gegeben worden wäre, nehme ich an, dass „Murph“-Konditionen simulierende Trainingseinheiten ziemlich schnell beginnen hätten müssen, um Wirkung von Adaption zu zeigen.

So kann man es auch sehen: 2014 sollte ich auf Raten meines Coaches „so viel wie möglich draußen“ trainieren in Vorbereitung auf die Games. Aber als der Chipper dann mitten am Tag in der Carson Sonne dran war, war ich trotzdem wie gelähmt. Es war ein 21 Minuten Time Cap und ich war noch nie so kurz davor, aufzugeben – einfach auf einem der Med Balls zu sitzen und meine Karriere zu beenden. Die Hitze war unglaublich. Fast beängstigend. Und jetzt lies noch einmal Emily Abbots Interview und sag mir, es sei bloß ein Versäumnis der Athleten, die Konditionen einzurechnen.

Aber du sagst: „Sie wissen, worauf sie sich einlassen.“

Ist das überhaupt so? Ich behaupte, sie wissen es nicht. In diesem Wettkampf werden einige Events nicht bekannt gegeben, bis kurz bevor die Athleten zu ihnen antreten müssen. Während „Murph“ einige Wochen vorher angekündigt war, waren es bei „Heavy DT“ wenige Minuten vorher. Athleten können höchstens von den letztjährigen Games antizipieren, was sie erwartet. Das konnten sie nicht wissen.

Also argumentierst du weiter: „Dieser Umfang ist für diese Athleten nichts Besonderes. Die meisten Athleten hatten keine Probleme mit „Murph“ oder „Heavy DT“. Ein paar Verletzungen heißen nicht, dass das Programming falsch war.“

Das sehe ich ein. Aber dieser Umfang nur um des Umfangs willen, misst keine Fitness. Diese CrossFit Games scheinen die vorherigen nur zu übertrumpfen, um ein größeres und besseres Spektakel zu liefern. Das Konzept, Fitness zu testen, ist auf dem Weg liegen geblieben. Fitness zu testen, indem man bloß den Mut der Athleten testet, widerspricht den zehn Bereiche von Fitness. Wenn es die Ziele von CrossFit sind, „physische Kompetenz in allen zehn anerkannten Fitnessbereichen zu testen, darunter Herz-Kreis-Lauf-Ausdauer und Lungenkapazität, Ausdauer, Kraft, Flexibilität, Koordination, Agilität, Balance und Präzision“, geht das Testen der Fähigkeit, immer mehr Volumen zu überleben, an diesem Ziel vorbei.

Hereinspaziert, hereinspaziert

Aber man kann keine 2-km-Ruderdisziplin, ein echtes Gewichthebe-Event mit roten und weißen Lichtern, Dreisprung und Scharfschießen. Denn während diese Kraft, Geschwindigkeit, Agilität und Präzision testen, und viele andere der zehn Bereiche der Fitness, wären sie langweilig anzusehen. Und das ist schlecht fürs Geschäft.

Also haben wir die CrossFit Games – der „Test of Fitness“ nur Nebenschauplatz des Karnevals. Wir haben die Snake River Tage von Eviel Knievel erreicht. Und Dave Castro trägt ein Cape aus Pelz.

Original Artikel: http://breakingmuscle.com/functional-fitness/survival-of-the-survivors-the-crossfit-hunger-games