Wenn Sport zur Sucht wird

Sport ist für die meisten von uns ein fester Bestandteil unseres Lebens.
In Maßen ist Sport und Bewegung auch förderlich für die Gesundheit und für den Ausgleich zum Alltag.
Gefährlich wird es allerdings, wenn der Sport Dein Leben bestimmt und nicht Du über den Sport.
Wir haben uns mit jemandem unterhalten, dem genau dies passiert ist.
Rede und Antwort stand uns Cesar, ein Allround-Sportler.

Hallo Cesar!
Hi!

Erstmal vielen Dank, dass Du unterstützt bei diesem Thema und uns ein paar aufschlussreiche Antworten liefern kannst.
Legen wir direkt los. Vorab brauchen wir mal ein paar Infos über Dich, wie Du zum Sport gekommen bist, welchen Sport du ausgeübt hast/noch ausübst, usw..
Also… Ich treibe schon Sport seit meiner frühen Kindheit. Ich war schon immer sehr aktiv und verrückt nach Action und Bewegung. Während die anderen Kids damals vor Ihren Gameboys und Playstations gesessen haben, war ich auf meinem Skateboard oder BMX unterwegs.
Als ich mich dann mit 16 gemeinsam mit einem Freund im Fitnessstudio angemeldet hatte, packte mich der erste Ehrgeiz für die Muckibude.

Okay, der Klassiker. Wie sah damals Dein Training aus und wie hat es sich entwickelt?
Ich trainierte ca. 2x die Woche. Das Ziel war natürlich der Aufbau von Muskelmasse.
Damals waren wir völlig planlos, was die Ernährung & das richtige Training betraf und pumpten einfach drauf los. Die damaligen Trainer in unserem Fitnessstudio hatten offenbar auch nur eine Aufgabe. Zu jeder vollen Stunde einen Strich in Ihr Buch zu kritzeln, der dokumentierte, dass sie wieder 10DM verdient hatten (lacht).
So ging es dann ein paar Jahre, mit einigen Pausen.
Die Ergebnisse der körperlichen Veränderung ging leider nicht konform mit den Erwartungen. Komisch…

Als ich mich dann etwas ernster mit der Materie beschäftigt hatte, müsste ich so mitte Zwanzig gewesen sein. Ich inhalierte förmlich jedes Buch über Training und Ernährung und wollte nun einen Neustart wagen. Ich arbeitete mir selber Trainingspläne und die passenden Ernährungspläne aus.
Dieses Wissen bildet das Fundament für jedes Training und jede Sportart auf dieser Welt! Von dort an merkte ich auch relativ schnell, dass ich Fortschritte machte. Ich wurde kräftiger & konnte meine Form stetig verbessern. Es ging also.

Dieser Ehrgeiz zog mich allerdings auch in einen Sog, den ich überhaupt nicht bemerkte. Für mich war es schon völlig normal meinen Tag nach dem Training zu richten. Ich hatte immer meine Mahlzeiten für die passenden Uhrzeiten dabei und hielt mich strikt an die Ernährungspläne.

Hattest Du irgendwelche Ziele zu dieser Zeit, wie z.B. Wettkämpfe oder ähnliches?
Absolut gar nicht. Nur die Fortschritte die ich machte und die Komplimente die ich von Freunden und Bekannten bekam, trieben mich weiter an.
Ich wollte besser, schneller & stärker werden.

Hattest Du selber zu dem Zeitpunkt das Gefühl, dass der Sport Dich im Griff hatte und nicht umgekehrt?
Nein. Wenn Du so in Deinem Thema bist, merkst Du selber gar nicht, wie sehr Du Dich reingesteigert hast.
Ich ging zu der Zeit mehreren Sportarten nach. Ich ging weiterhin ins Fitnessstudio und zum Kampfsport. Ich trainierte zu dem Zeitpunkt 6x die Woche, teilweise 2x am Tag. Ich konnte einfach nicht genug bekommen.

Mein Umfeld hatte da schon wahrgenommen, dass ich mich extrem in meinen Sport reingesteigert hatte. Doch für mich fühlte es sich überhaupt nicht verkehrt an.

Wann hast Du erkannt, dass es zu viel des Guten war?
Meine Freundin und ich haben uns in meiner „krassen“ Sportphase kennengelernt. Sie wusste also, dass mir mein Sport sehr wichtig war. Als wir dann allerdings eine Weile zusammen waren, kam der Sport uns schon einige Male in die Quere. Heute sehe ich die Dinge anders als damals. Ich wollte damals nur sehr selten mit meiner Freundin essen gehen, weil ich doch nach meinem Plan nach meiner Zubereitung essen wollte. Ich konnte doch nicht wissen, in welchem Fett gebraten wurde etc. (lacht). Heute kann ich zum Glück darüber lachen aber zu dieser Zeit war es tatsächlich so.

Gab es einen Schlüsselmoment für Dich?
Ja, den gab es. Meine Freundin wollte im Dezember mit mir zum Weihnachtsmarkt, nach der Arbeit. An einem Montag. Dabei weiß doch jeder, dass Montag Brust & Bizeps trainiert wird (lacht)!
Ich sagte meiner Freundin also, dass ich nicht könnte, da ich zum Training muss.
Sie fragte mich noch ganz verständnisvoll, ob ich es nicht verschieben könne. Daraufhin habe ich sie gefragt, ob sie ernsthaft erwartet, dass ich mein Training für den Weihnachtsmarkt verschieben würde. Hallo?! Brust, Bizeps!

Am Abend, nach meinem Training, gab es dann eine ordentliche Diskussion. Meine Freundin führte mir vor Augen, dass mein Sport mein Leben bestimmt hatte und ich alles hinter den Sport stellte. Je mehr Beispiele sie mir aufgeführt hatte, desto klarer wurde es mit auch. Ich wollte immer mehr erreichen, verzichtete aber auf das Leben!
Ich hatte nie vor mit dem Sport Geld zu verdienen. Es war für mich nur ein Hobby neben dem Beruf im Büro.
Ich dachte einige Tage über unser Gespräch nach und legte eine Trainingspause ein um mein Leben zu sortieren. Ich musste mir eingestehen, dass mein Sport tatsächlich zur Sucht wurde. Meine sozialen Kontakte hatte ich zum größten Teil nur noch beim Sport, meine Gesprächsthemen waren ebenfalls vom Sport geprägt. Ja, ich war sportsüchtig.

Wie hast Du das Problem in den Griff bekommen und wie sieht es heute aus?
Ich setzte mich mit dem Thema ernsthaft auseinander und fragte mich selber oft, was ich vom Leben erwarte und was für mich wichtig ist. An erster Stelle stand für mich meine Freundin, meine Familie und mein Job. Der Sport musste also wieder zum Hobby und nicht zum Mittelpunkt meines Lebens werden. Meine Freundin gab mir sehr viel Unterstützung und redete mir gut zu. Mit ihrer Hilfe habe ich mein Leben auf neue Beine gestellt und genieße es in vollen Zügen. Ich mache auch heute noch Sport und habe nie aufgehört. Ich liebe Sport nach wie vor. Allerdings bin ich heute nicht mehr annährend so verbissen wie früher. Heute gehen ich zum Spaß zum Sport und esse auch mal eine Pizza – ohne sie vorher zu wiegen (lacht).

Freut uns sehr zu hören! Welche Tipps würdest Du jemandem geben, der sich in diesem Interview vielleicht wiedererkennt?
Schwer zu sagen. Ich denke jeder von uns ist anders und hat andere Ziele. Wenn man nicht das Ziel hat mit seinem Sport seinen Lebensunterhalt zu verdienen, muss es ein Hobby bleiben und darf nicht das Leben bestimmen. Höre auf Dein Umfeld bei den ersten Anzeichen und denk drüber nach! Mir gingen die Sprüche immer am Arsch vorbei, was definitiv ein Fehler war.
Genieß das Leben und treibe Sport im Maßen. Wenn Dein Ziel nicht die Games sind, lass es langsam angehen. Deine Familie wird es Dir danken 😉

Vielen Dank für das Interview!
Danke Euch.